Mantren und Gebete

(Autor: Roland Gmünder / Last Update – 28.04.2013)

Mantren

Was sind eigentlich Mantren?

Mantren sind Silben, Worte oder kurze Sätze, die neben ihrer Bedeutung eine besondere innewohnende Kraft besitzen. Mantren haben eine Klang- und Resonanzwirkung, sowie meist eine metaphysische oder mystische Bedeutung. In jeder Kultur, in jeder Sprache gab es seit Alters her solche magischen Worte. Das Wort Mantra stammt aus dem Sanskrit und besteht aus den Wurzeln “manas” und “tra”. “Manas” ist die Gesamtheit der Gedanken- und Gefühlswelt mit all den Wünschen und Ängsten. “Tra” bedeutet rettend, haltend oder beschützend. Mantren sind Worte, die eine sammelnde Wirkung auf das Gemüt ausüben. Sie haben eine Art Schlüsselfunktion inne. Mit ihrer Hilfe können wir bestimmte Energie- und Resonanzfelder im Körper und in der Seele erschließen.


Wo liegt der Ursprung der Mantras?

Die meisten Mantren sind in Sanskrit überliefert worden. Sanskrit ist eine der ältesten Sprachen der Welt. In den Schriften aus der vedischen Zeiten wird berichtet, daß Rishis, die Weisen jener Zeit, intuitiv die mantrischen Weisheiten erfaßten oder empfingen. Diese Erfahrungen können auch heute bei richtiger Anwendung der Mantren wachgerufen werden. Bekannt sind auch die Mantren, die aus einzelnen oder zusammengesetzten Buchstaben bestehen, die sogenannten Bija-Mantren oder Keim-Mantren. Die Buchstaben, die solche Mantren bilden, heißen Bija Aksaras. In der hinduistischen Religion wird jede Gottheit durch ein “Bija Aksara” repräsentiert, das in der menschlichen Sprache das nächstliegende Äquivalent zur Form des “Nada” ist, der Tonschwingung, die im Augenblick der Manifestierung der Gottheit entsteht. Diese Aksaras oder die Mantren werden als Worte der Anrufung an jene Gottheit gebraucht. Das bekannteste von diesen Keim-Mantren ist Pranava “Om” für Brahman.

Die Chakra-Lehre im Yoga enthält auch die Lehre der Keimsilben zu jedem Chakra. Es gibt Richtungen, die dies systematisch erfaßt und beschrieben haben. Chakren nennen sich die 7 Hauptenergiezentren im Körper, durch die unser energetischer Austausch mit der Aussenwelt stattfindet. Diese haben alle eigene Schwingungen und können durch diese Keimsilben aktiviert werden. Tatsächlich hat die wörtliche Bedeutung oft wenig mit der Kraft zu tun, die Mantren verleihen. Unser Geist, unsere Handlungen und die Dinge unserer Umgebung können durch Mantren gereinigt und mit geistiger Kraft aufgeladen werden.

Die besondere Schwingung von heiligen Plätzen und Pilgerzentren entstanden zum Teil dadurch, daß irgendwann jemand an diesen Orten heilige Mantren sang. Danach übten diese Orte eine hohe geistige Anziehungskraft aus. Die Schwingungen, die mit dem Singen des Mantren in Gang gesetzt werden, machen unsere feinen Empfindungen für geistige Erkenntnis empfänglich. Der Klang, den jedes Wesen von sich gibt, macht unzählige Wellen im Klangmeer, die sich in die Atmosphäre bewegen. Diese Gesamtatmosphäre bedingt kosmische Wechselwirkungen. Mantren wirken auf diese Klangatmosphäre ein.


Welche Rolle spielt der Klang und der Atem bei Mantren?

Jeder Buchstabe, jedes Wort und jede Silbe hat neben der Bedeutung im allgemeinen Sprachgebrauch zusätzlich noch eine Klanginformation, ein besonderes Klangmuster. Träger dieser Klangmuster ist zum einen unser Körper, der aus verschiedenen Elementen besteht, und zum anderen der Luftstrom, der durch unseren Atem geführt wird. Zwerchfell, Kehlkopf, Mund, Lippen, Zungen und der unterschiedlich geführte Luftstrom sind an der Klangbildung beteiligt. Jedem Klangmuster liegt ein bestimmtes Atemmuster und bestimmte Führung des Atemstroms zugrunde. Der Atem ist mit Lebensenergie gefüllt. In der Yoga-Sprache wird sie die Prana-Kraft genannt. Dem Prana-Yama, dem Ausgleich der Atemkraft, wurde dabei große Bedeutung beigemessen. Daher haben Mantren zugleich eine atemaktivierende und ausgleichende Wirkung. Jedem Atemmuster liegt auf anderer Ebene ein Energiemuster zugrunde. Beim Atmen und der Stimmbildung entstehen feine Reibungen durch Luftströme, die das Gewebe und die Körperzellen in Schwingung versetzen. Diese wiederum löst chemische und elektrophysikalische Reaktionen auf z.B. Hirnwellen, Hautströmungen und Muskeltonus aus. Die Mantra-Anwendung stellt eine subtile Energiearbeit dar.

Wie sollten Mantren angewendet werden?

Der Körper soll entspannt ruhen und die Gedanken sich auf den Inhalt des Mantren konzentrieren. In gesungener Form können Mantren eine Starke Wirkung entfalten. Der Mantragesang mit seiner subtilen, immer wiederkehrenden Melodie verhilft dem Menschen, sich einen vegetativen Ausgleich und eine seelische und körperlichen Entspannung zu verschaffen. Die Anwendung ist jedoch individuell sehr verschieden. Manche, die gerne in der Stille meditieren und sich auch entsprechend konzentrieren können, werden Mantren nur im Stillen geistig wiederholen. Andere, die Freude an der Stimme haben und gerne mit der Stimme arbeiten, werden das eigene Singen oder Mitsingen bevorzugen. Wieder andere können ein Mantra am besten durch Hören verinnerlichen und sich dabei hervorragend konzentrieren und meditieren. Es wird jedoch in der Regel eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen, bis das Gemüt sich ausreichend darauf einstellen und die Wirkung eintreten kann. Es ist zu empfehlen, Mantren oder Mantra-Gesänge vorwiegend ungestört mit hingebungsvoller Haltung anzuwenden, damit die Wirkung erhalten bleibt. Hat man die Mantren einmal verinnerlicht, unterscheidet man den Wirkungsbereich nach der Art der Anwendung. Um im Physischen damit zu wirken, rezitiert man die Mantren eher laut, sollen sie im seelischen mehr wirken, rezitiert man sie still. Je kleiner der Reiz (Klang), desto höher (spirituell) die Ebene der Wirkung.

Welche Bedeutung kommt der Wiederholung von Mantren zu?

Durch Wiederholung werden die wandernden Gedanken an das Mantra gebunden. Das Gemüt bekommt durch die Wiederholung der Mantren eine einfache, wirkungsvolle, Aufgabe. Dadurch wird eine spontan eintretende meditative Wirkung erreicht. Die Wiederholung bewirkt, daß das Mantra vollkommen im Bewußtsein gegenwärtig wird. Eine Verbindung vom inneren Mikro- zu äußeren Makrokosmos wird hergestellt. Ein subtiler Energiestrom kommt in Fluß. Vergegenwärtigung des Inhalts ist ein ganz wichtiger Vorgang beim Gebrauch von Mantren. Es bedeutet die Herbeiführung eines Bewußtseinszustandes in die Gegenwart, die Überbrückung von Zeit und Raum zum Hier und Jetzt. Die Vergegenwärtigung bedeutet auch, daß man sich der vollkommenen Gegenwart bewußt wird und dabei Vergangenes und Zukünftiges in der gegenwärtigen unmittelbaren Seinserfahrung vereint.

Welche Rolle spielt die Sprache bei Mantren?

Mantren kann und sollte man nicht in eine andere Sprache zu übersetzen versuchen, denn dies verändert den ursprünglichen Charakter. Die Klangwirkung entsteht dann nicht in gleicher Weise. Sanskrit ist für Mantren eine besondere Sprache. Viele europäische Sprachen haben übrigens ihre Wurzeln im Sanskrit, so daß diese Sprache nicht völlig fremd ist. Mantrische Gebete haben in ihrer ursprünglichen Sprachform eine ganz andere Klang- und Resonanzwirkung. Früher wurde das traditionelle christliche “Vater unser” in der griechischen Fassung auch eher intoniert (auf das Klangbild ausgerichtet wiederholt). Auch die Gatas, die heiligen Sprüche Zarathustras, wurden gesungen. Die Wirkungsweise von Sanskrit-Mantren wird heute wissenschaftlich untersucht. Dabei wird immer wieder durch Fremd- oder Eigenexperimente beobachtet, daß Menschen eine besondere innere Stille und tiefgehende Selbstintegration erfahren. Dabei spielt die sprachliche und kulturelle Zugehörigkeit nur eine untergeordnete Rolle.

Ist die Mantra- Anwendung eine besondere Meditationsform?

Meditation als solche sollte ein Akt der Hingabe zum Göttlichen sein. Alle meditativen Wege, die dies vermitteln, sind zu empfehlen. Geistig spirituelle Angelegenheit ist nicht eine Sache des Intellekts oder des Könnens, des Besitzes und der Materie. Echte spirituelle Erfahrung ist ein die Grenzen der eigenen Person überschreitendes Moment des Erlebens. Die Meditation ist nicht etwas, was man mit Wollen oder eigener Kontrolle allein herbeiführen kann. Der meditative Gemütszustand kann nur von selbst eintreten. Stille Meditation gelingt nicht auf Anhieb und ist bei der heutigen Einbindung in die Arbeitswelt sehr schwer. Der Mantra-Gesang begleitet den Geist. Es fällt dadurch etwas leichter, auf den Inhalt zu meditieren. Mantren sind bildlich gesprochen wie ein Boot, in das man einsteigen kann, um in den See seiner seelischen Welt hinein zu rudern – es wird dadurch einfacher.

Wie kann man Mantren zur Heilung benutzen?

Wir machen Töne, wenn wir Schmerzen haben, und diese Töne tragen dazu bei, den Schmerz zu lindern. Viele von uns können bei einem schweren emotionalen Trauma weinen und klagen, was den Abbau von Stesshormonen unterstützt, Muskelverspannungen und damit verbundene Energieblockaden löst, was dazu beiträgt, den seelischen Schmerz zu lindern. Es gibt Personen, die chronische Schmerzen durch das Singen von Mantren vollkommen beseitigen konnten. Dies mag zum Teil daran liegen, das die dabei erzeugten Töne die Produktion von Endorphinen unterstützt, jenen schmerztötenden Neurochemikalien, die hundert Mal stärker sind als Morphium.

Es gibt ein erhebliches Potential von Heilungskräften im Inneren des Menschen, die zur Gesunderhaltung oder Unterstützung bei der Heilung von Krankheiten eingesetzt werden könnten. Viele Menschen haben den Wunsch ihre eigenen innere Kräfte gezielter und bewußter zu nutzen. Mantren stellen hierbei eine wichtige Hilfe dar. Die eingeleitete meditative Tiefenentspannung spielt dabei eine wichtige Rolle. Mantren haben verschiedene Ebenen der Heilwirkung. Eine Ebene ist die körperliche, bei der die Vibrationen quasi als feinstoffliche Schwingungsmassage genutzt werden. Auf der gefühlsmäßigen Ebene werden heilsame Gefühle erweckt. Ruhe, Gelassenheit, Freude, Liebe und Versöhnung werden im Inneren erlebt. Dies könnte man auch als Heilung des Herzens bezeichnen. Unbewußte Gefühlsblockaden lösen sich. Wir bekommen wieder den Zugang zu unserer inneren seelischen Welt.

Eine weitere Dimension der Wirkung ist die transpersonale oder tranzendente, die ins Unbeschreibliche hinein geht.

Beeinflußt der Mantra- Gesang die Schlafqualität?

An einer Stelle der altindischen Schriften Upanischaden heißt es: “Im Schlaf steht der Mensch seinem Selbst, dem Atman, nahe”. Der Schlaf selbst ist ein Mysterium und ließ der Forschung noch viele Fragen offen. Die Beseitigung von Schlafstörungen mit natürlichen Mitteln ist eine wichtige Angelegenheit. Bereits in der Antike wurde der Schlaf zur Heilung eingesetzt und als Heilschlaf (modern in der Hypnose genutzt) bezeichnet. Heilschlaf wurde mit der Rezitation von Sprüchen und Musik eingeleitet. Die Einleitung des Schlafes mit Mantra-Gesängen soll einen ähnlichen Zweck erfüllen – dabei wird die beruhigende Wirkung der Wiederholung zur Überleitung in den Schlaf genutzt. Die Mantren wirken dann auf das Unterbewußte weiter und setzen ihre wohltuende Schwingung noch eine Weile fort.

ॐ Om Hraum Mitraya ॐ ~ Deva Premal ~

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