gewaltfreie Kommunikation (GfK)

(Autor: Roland Gmünder / Last Update – 30.07.2013)

Gewaltfreie Kommunkation kann Kinder motivieren

Ein friedliches Familienleben ist der Wunsch vieler Eltern und Kinder. Doch Wunsch und Wirklichkeit liegen oft weit auseinander. Maulereien und Streitereien bestimmen den Alltag. Die Gewaltfreie Kommunikation ist eine bewährte Methode, um die verbale Kommunikation zu verbessern und Konflikte zu verringern.
Sei doch nicht immer so faul und räum endlich die Spülmaschine aus! Auf dich konnte man sich noch nie verlassen! Du bist eben die Unzuverlässigkeit in Person! Das kannst du nicht. So geht das und nicht so wie du es machst.

Wer erkennt sich nicht in diesen Beispielen wieder? Mal teilt man selbst auf diese Art und Weise aus oder muss selbst einstecken. Oft verursachen solche Aussagen Kränkungen, bringen Menschen gegeneinander auf oder sind der Nährboden von Streit. Der Psychologe Dr. Marshall B. Rosenberg gilt als der Begründer der Gewaltfreien Kommunikation, ein Konzept zur Verbesserung der Kommunikation im Alltag. «Wir betrachten unsere Art zu sprechen vielleicht nicht als gewalttätig, dennoch führen unsere Worte oft zu Verletzung und Leid – bei uns selbst oder bei anderen», erklärt er. Bei der gewaltfreien Kommunikation geht es nicht darum, seinem Gegenüber Honig um den Mund zu schmieren und stattdessen die Kritik hinunterzuschlucken, sondern darum, wie miteinander kommuniziert wird. Es geht darum, potenzielle Konflikte in friedliche Gespräche umzuwandeln, offen seine Meinung zu sagen, ohne Abwehr oder Feindseligkeit zu erwecken und die Mitmenschen über Empathie zu motivieren statt über Angst, Schuldgefühle und Scham.


Die Giraffe und der Wolf

Giraffe und Wolf? Die Tiere stehen stellvertretend für die unterschiedlichen Kommunikationsformen der Menschen. Der Wolf steht symbolisch für eine aggressive Form der Kommunikation. Der Wolf bewertet andere, sieht seine Ansicht als richtige Lösung an und setzt andere unter Druck, um seine eigenen Bedürfnisse zu erfüllen. Er kritisiert gerne, droht mit Strafen und sucht sofort nach einem Schuldigen. Dieses Verhalten ist bei vielen Eltern eine oft praktizierte Erziehungsmethode:

-    Wenn bis heute Abend nicht dein Zimmer aufgeräumt ist, dann spielen wir auch nicht Monopoly.

-    Siehst du, wir kommen jetzt zu spät ins Kino, weil du vorher getrödelt hast.

-    Ich habe es doch gleich gewusst, dass du es nicht kannst!

Die normale Reaktion auf dieses Verhalten ist eine Abwehrhaltung. Kinder aber auch Erwachsene blocken auf solche Aussagen ab, sie fühlen sich schlecht, herabgesetzt und möchten mit diesem Gesprächspartner keine Verbindung oder Kommunikation aufnehmen. Dies bringt also weder Eltern noch Kind weiter.

Rosenberg sieht die Giraffe als positives Pendant zum aggressiven Wolf. Die Giraffe ist liebenswert, freundlich und kann mit ihrem Hals Dinge aus einer anderen Perspektive betrachten und behält dabei immer die Situation im Auge. Ihre Art zu kommunizieren ist die Sprache des Herzens: Sie achtet auf Gefühle, achtet auf die Bedürfnisse anderer und trennt Beobachtung und Bewertung. Ausserdem bittet oder wünscht die Giraffe, anstatt zu fordern.


Erziehung mit Disziplin oder mit Verständnis?

Erziehungsratgeber wie «Lob der Disziplin» oder «Die Mutter des Erfolgs» haben Hochkonjunktur. Sie setzen auf Konsequenz und Härte. Kann die Sprache des Herzens dagegen ankommen? Ist das realistisch, lieber zu bitten als zu fordern? Den bockigen mauligen Teenager lieber verstehen zu lernen, als zu kritisieren? Zugegeben, es klingt wirklichkeitsnaher, diesen mit strenger Hand zu erziehen als mit Verständnis. Überlegt man sich stattdessen, wie der Typ Mensch eigentlich tickt und funktioniert, klingt es schon nicht mehr so abwegig: Der Mensch giert förmlich nach Anerkennung und Wertschätzung, schon Kleinkinder tun alles, um Mama und Papa zu gefallen. Menschen engagieren sich freiwillig und gerne für andere, nur um ihnen Gutes zu tun und sie zu unterstützen. Ihr Antrieb ist das Bedürfnis nach Liebe, Geborgenheit und Empathie. Der Königsweg lautet also, den anderen verstehen zu lernen!


Einführung in die gewaltfreie Kommunikation

Wenn uns jemand mit Worten angreift, neigen wir dazu, uns zu verteidigen und zurückzuschlagen. Doch das so entstehende Wortgefecht bringt meist keine Seite ihrem Ziel näher, sondern belastet oder zerstört eher die Beziehung der Gesprächspartner, die plötzlich zu Gesprächsgegnern geworden sind. Bei der gewaltfreien Kommunikation verzichtet man auf Angriffe und konzentriert sich auf die Gefühle und Bedürfnisse, die den oft unbedachten Äußerungen des anderen zu Grunde liegen.

Häufig richten Menschen in ihrer Kommunikation die Aufmerksamkeit darauf, was andere falsch machen bzw. was “verkehrt” an ihnen ist. Der Ausgangspunkt all dieser Verhaltensweisen ist häufig eine negative Bewertung der anderen Person oder ihres Verhaltens. Menschen sehen den Grund für ihre aufkommenden Gefühle daher in den Handlungen der Anderen, woraus im negativen Fall Ärger, Frustration, Ohnmacht oder Hilflosigkeit entstehen, die dann reflexartig mit Vorwürfen, Kritik, Drohungen u.ä. abgewehrt werden. Die üblichen Reaktionen der Gesprächspartner/innen sind wiederum Rechtfertigung, Gegenangriff, Beleidigt sein und Rückzug. Eine Spirale, die egal ob in Beziehungen, im Beruf oder der Politik, mit Streit und Krieg endet.

Marshall Rosenberg bezeichnet eine aggressige Sprache als Wolfssprache, die dazu führt, dass sich der andere schlecht fühlt, sich wehrt oder ausweicht. Laut Rosenberg verursacht diese Kommunikation gegenseitige Aggression und ist gekennzeichnet durch:

   -    Analyse: „Wenn du das beachtet hättest …“
   -    Kritik: „So ist das falsch, das macht man so …“
   -    Interpretationen: „Du machst das, weil. …“
   -    Wertungen: „Du bist klug, faul, du liegst richtig, falsch …“
   -    Strafandrohungen: „Wenn du nicht sofort, dann …“
   -    Sich im Recht fühlen

In der gewaltfreien Kommunikation richtet man die Aufmerksamkeit dagegen darauf, was einem wichtig ist und vermeidet in der Kommunikation alles, was beim Gegenüber als Bewertung, Beschuldigung, Kritik oder Angriff ankommen könnte – daher die Bezeichnung “gewaltfreie Kommunikation”.

Aufbauend auf den Erkenntnissen der humanistischen Psychologie von Carl Rogers entwickelte Marshall B. Rosenberg in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts das Modell der “Nonviolent Communication”. Rosenberg steht in guter gruppendynamischer Tradition und legt in seinem Buch sehr viel Wert darauf, genau zwischen Wahrnehmung und Interpretation zu unterscheiden: Was können wir in einem Gespräch, in einem Konfliktverlauf oder einfach in einer Begegnung zwischen Menschen genau beobachten – und welche Schlüsse, welche Bewertungen folgen daraus? Meistens vermischen wir Beobachtung und Bewertung sehr flott – und leisten damit einer Gewalt-Sprache unbewußt Vorschub.

Die Gewaltfreie Kommunikation ist eine von Marshall B. Rosenberg entwickelte Kommunikations- und Konfliktlösungsmethode, welche die Anliegen aller am Konflikt Beteiligten aufspüren und zu berücksichtigen versucht, um somit eine positive Bearbeitung von Konflikten zu ermöglichen. Rosenberg bezeichnet die Gewaltfreien Kommunikation auch “language of the heart“ oder “Giraffensprache“, denn die Giraffe als Symboltier ist das Landtier mit dem größten Herzen. Wer gelernt hat, eher “giraffisch“ zu kommunizieren, erlebt im Konfliktverlauf viele positive Veränderungen, z.B. ein verbessertes Verständnis auf beiden Seiten, Transparenz von Absichten und Motiven, so dass eine Abwehrreaktion oder gar Aggression unnötig wird. In der gewaltfreien Kommunikation wird ausgedrückt, was einen bewegt und was man möchte (Selbstbehauptung) und empathisches Zuhören, wie es der anderen Person geht und was sie möchte (Einfühlung). Diese beiden Prozesse bilden das wesentliche Merkmal der Gewaltfreien Kommunikation. Dabei geht es weder darum die eigenen Bedürfnisse hinten an zu stellten, noch die Bedürfnisse anderer Menschen zu unterdrücken: Marshall Rosenberg: “Das Ziel dieses Prozesses ist der Ort, an dem alle Bedürfnisse erfüllt sind.”

In jedem Gespräch sollten vier Komponenten (Beobachtungen, Gefühle, Bedürfnisse, Bitten) klar ausgesprochen und verstanden werden, wobei es wichtig ist, Beobachtungen nicht mit Bewertungen zu vermischen, in Kontakt zu den Gefühlen zu kommen, Bedürfnisse zu erkennen und Bitten mit treffenden Worten zu äußern.


Die 4 Schritte der gewaltfreien Kommunikation

Anklagen, Kritik, Vorwürfe, Schuldzuweisungen und der Großteil der aggressiven Sprache sind nach den Grundideen der gewaltfreien Kommunikation so etwas wie “verkappte Wünsche”. Weil wir nicht gelernt haben, richtig zu bitten, unsere Wünsche konstruktiv – und vor allem in einer annehmbaren Form zu äußern, greifen wir zur aggressiven Sprache. Jede Aggression ist Ausdruck der eigenen Schwäche – weil wir unbewußt meinen, nur durch Macht, Stärke und Drohung zur Erfüllung unserer Bedürfnisse zu kommen.

Doch genau das ist der Trugschluß: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Wunsch erfüllt wird steigt, wenn er ohne Anklage, Schuldzuweisung, Kritik (oder anderer Stachelwörter) präsentiert wird. Bei Anklagen, Kritik etc. muss sich Empfänger automatisch in Verteidigungshaltung begeben (um seinen Selbstwert und positives Selbstbild zu schützen) – oder selbst aggressiv werden. Aggression erzeugt immer Gegenaggression und selten Unterwerfung. Dabei ist nichts Schlechtes und nichts Lebensfremdes dabei, Bedürfnisse zu haben, die durch Handlungen oder Worte der Mitmenschen erfüllt werden können. Wir alle leben in wechselseitiger Abhängigkeit – und es ist nur natürlich, um das zu bitten, “was das Leben bereichert“ – wie es Rosenberg formuliert. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage “Wer hat welche Bedürfnisse und wie sind sie im Einklang miteinander zu erfüllen?” Die gewaltfreie Kommunikation soll es ermöglichen, einen kreativen Dialog zu beginnen, um eigene zufriedenstellende Lösungen zu finden.

In der gewaltfreien Kommunikation richtet sich die Aufmerksamkeit auf folgende Bestandteile bzw. Schritte:

   -    Beobachten statt Bewerten oder Interpretieren.
   -    Gefühle wahrnehmen und benennen.
   -    Bedürfnisse wahr- und ernstnehmen.
   -    Auf der Grundlage der Bedürfnisse klare und erfüllbare Bitten äußern.

Die vier Schritte können als Selbstmitteilung kommuniziert werden oder als Einfühlung. Mit der Selbstmitteilung zeigen wir uns mit unseren Gefühlen und Bedürfnissen und drücken eine damit verbundene Bitte aus. Mit der Einfühlung versuchen wir das Bedürfnis des Gesprächspartners zu erkunden und uns mit ihm zu verbinden. Alles zusammen bildet den Prozess der Gewaltfreien Kommunikation. In Konflikten entfaltet Gewaltfreie Kommunikation ihre verbindende und transformierende Kraft im Wechselspiel von Selbstmitteilung und Einfühlung.

Beispiel für eine Selbstmitteilung:

1. Beobachtung: “Du stehst auf und schaust aus dem Fenster, wenn ich mit dir über das Thema “Schule” sprechen will.”
2. Gefühl: “Ich fühle mich besorgt und auch etwas ratlos, …”
3. Bedürfnis “… weil ich wissen möchte, wie es dir in der Schule geht und auf welche Weise ich dich unterstützen kann.”
4. Bitte: “Bitte sage mir, was du brauchst, um mit mir darüber zu reden zu können.”

Beispiel für einfühlsames Zuhören

1. Beobachtung: “Du stehst auf und schaust aus dem Fenster, wenn ich mit dir über das Thema “Schule” sprechen will.”
2. Gefühl: “Kann es sein, dass du ziemlich genervt bist?”
3. Bedürfnis: “… und du im Moment einfach nur Ruhe und Entspannung brauchst?”
4. Bitte: “Möchtest du, dass wir zu einem anderen Zeitpunkt darüber reden?”



gewaltfreie Kommunikation =                                                                                      einfühlsame Kommunikation

Gewaltfreie Kommunikation(GFK) wird auch „einfühlsame Kommunikation“ genannt. Sie ist eine Art des achtsamen und wachsamen Umgangs miteinander, welcher den Kommunikationsfluss zwischen den Menschen erleichtert.

Zentral dabei ist die Haltung, die wir einnehmen. Es geht um die Absicht, sich mit sich selber und dem Anderen im Hier und Jetzt einfühlsam zu verbinden. Wenn diese Verbindung hergestellt ist, helfen die 4 leicht verständlichen Komponenten, eine Situation in ihre einzelnen Teile zu zerlegen und zu entflechten:

-    Was habe ich beobachtet – ohne zu werten?
-    Was habe ich dabei gefühlt?
-    Was ist mir wichtig (Bedürfnis)?
-    Was ist meine Bitte an mich, an den Anderen?
-    Wie sieht denn die Situation aus der Perspektive meines Gegenübers aus? Wie geht es ihm/ihr, was braucht er/sie?

Sobald wir diesen Weg bewusst wählen, sind Neugierde, Humor, Offenheit, Zeit und Geduld unerlässliche Begleiter. Der Alltag bietet uns vielseitige Gelegenheiten die GFK zu üben, wie zum Beispiel beim Feiern eines Erfolges, beim Austausch von Informationen oder beim Ansprechen einer Konfliktsituation.


Checkliste zu den 4 Schritten der GfK

Mit diesem Link kannst Du Dir eine Checkliste hochladen, die Dich beim Erlernen der gewaltfreien Kommunikation unterstützt.


weiterführende Quellen


Marshall B. Rosenberg:
Gewaltfreie Kommunikation,
Junfermann, ISBN 3873874547
Das Buch bei Amazon





Ingrid Holler:
Trainingsbuch Gewaltfreie Kommunikation
Junfermann, ISBN 3873875381
Das Buch bei Amazon







Ingrid Holler, Vera Heim:
KonfliktKiste, Karten-Set
Junfermann, ISBN 3873875977
Die Konfliktkiste bei Amazon






Susan Pastor, Klaus. Gens
Mach doch… …was du willst!
Gewaltfreie Kommunikation am Arbeitsplatz
Junfermann, ISBN 3873876094
Das Buch bei Amazon






www.cnvc.org   
         Marshall Rosenberg: Center for Nonviolent Communicationl
 www.gewaltfrei.de     das deutsche Portal für Gewaltfreie Kommunikation

Comments are closed.